Wenn die Fußballfamilie versagt

Samstag 18.30 Uhr. Krankheitsbedingt muß ich unser Spiel in Leverkusen zuhause vor dem TV verfolgen. Diesmal schaue ich mir auch den Vorbericht an, beiläufig, denn das Niveau der mit Calmund, Matthäus und Metzelder gespickten Sendung ist auch diesmal nicht besonders hoch.

Kurz vor dem Ende des Vorberichtes nimmt die Runde das sogenannte *Breaking News* Thema auf. Beiläufig werden Ausschnitte des Spiegelartikels *Der Mensch im Trikot*  präsentiert.

Der Spiegel veröffentlichte unter diesem Titel in seiner Ausgabe vom 10.03.18 ein Gespräch das Antje Windmann mit Per Mertesacker geführt hat. Per Mertesacker berichtet hier von seinem Werdegang, den glücklichen Umständen die seine Karriere gefördert haben, das er trotz Wachstumsstörungen, Schuldruck und ähnlichem in den Profibereich gekommen ist. Das was ihm einfach nur Spaß gemacht hatte war jetzt sein Beruf geworden. „Ich habe mir oft nur zugeredet: nicht nachdenken, durchziehen, einfach durchziehen. Denn klar, irgendwann realisierst du, dass das alles eine Belastung ist, körperlich und mental, die es auch erst mal zu verarbeiten, wegzustecken gilt. Das es null mehr um Spaß geht, sondern das du abliefern musst, ohne Wenn und Aber. Selbst wenn du verletzt bist.“* Dieses Zitat ist für mich die zentrale Aussage in dem dreiseitigen Artikel. Später wird diese Aussage noch verfeinert und konkretisiert, allerdings wird hier zu einem sehr frühen Zeitpunkt klar, unter welchem Druck eine junger Mensch der noch in seiner Persönlichkeitsentwicklung steckt bereits steht, ob gesund oder verletzt.

Selbstverständlich wurde jedoch ein anderer Teil des Gespräches herangezogen um die Skyrunde in Fahrt zu bringen. Per Mertesacker gab zu, das er nach dem Aus 2006 gegen Italien erleichtert war, enttäuscht, aber erleichtert, da nun der für ihn unmenschliche Druck endlich ein Ende hatte. Diese Aussage brachte natürlich den Weltmeister von 1990 auf den Plan, der in seiner typisch empatischen Art mit vollkommenem Unverständnis reagierte, wie man, als Profi eine solche Aussage treffen könne und das so empfinden könne. Metzelder stimmte zu und stellte die obligstorische Frage warum er nicht aufgehört hätte. Wenn er das Interview gelesen hätte, wüsste er es, denn Mertesacker nimmt auch dazu Stellung. Das Matthäus auch die Befehigung Mertesackers in Frage stellt nach dem geplanten Karriereende in der Nachwuchsakademie von Arsenal London zu arbeiten rundet die Kommentare ab.

Ich möchte nicht das komplette Interview aufführen. Es lohnt sich aber zu lesen.

Hier öffnet sich ein Profisportler, er jammert nicht, so wie es zum Teil auch samstags dargestellt wurde. Er stellt seinen Karriereweg da, er spricht über Druck, körperliches und seelisches Leiden, das Gefühl der Öffentlichkeit zu gehören und doch auch über die Faszination, auf dem Feld zu stehen und für den Verein und das Land alles zu geben. Und er würde es wieder tun, auch wenn er sich wie bisher vor jedem Spiel beinahe übergeben muß.

Leider wurde genau der Teil des Gespräches nicht genannt. Denn im Gegensatz zu so manchem Kommentator ist Mertesacker reflektiert, nicht einseitig, sieht das Ganze und darin seinen Anteil. Eine intelligente Art, die Dinge zu sehen und zu bewerten. Keineswegs ist dies eine reine Absage an das Profigeschäft, nein, es ist die Aufforderung innerhalb der fußballerischen Ausbildung auf einen ganzheitlichen Ansatz zu schauen. Körper und Geist von jungen Menschen zu formen um sie für das Leben auf und neben dem Platz stark zu machen. Ehrlichkeit als Ansatz zum Erfolg.

Ohne eine solch reflektierte Haltung wie sie Per Mertesacker aufweist ist es nicht möglich etwas zu ändern. Daher ist er genau der Richtige um mit den jungen Kickern zu arbeiten. Denn trotz seiner Beschwerden war er immer zu 100% da, oder würde jemand der Mertesacker hat spielen sehen behaupten wollen das er nicht immer alles gegeben hat? Er ist nicht umsonst bei H96, Werder und Arsenal eine Ikone. Jeder der ihn ein Stück weit als Nestbeschmutzer darstellt, sollte sich einmal überlegen, daß neben dem ganzen Business, doch Menschen im Trikot stecken und das was in diesem Artikel steht etwas mit Stärke zu tun hat und nicht mit Schwäche.

Gerade im Hinblick auf die damalige Tragödie um Robert Enke, als sich die Fussballfamilie versprochen hatte sensibler zu werden, im Hinblick auf die heutige Zeit in der Eltern ihre 6-jährigen zu Leistungsschauen treiben um die Träume der Eltern zu leben, in einer Zeit in der sich kein homosexueller Fußballer outen würde, weil seine Karriere am Ende wäre, gerade dann, sind solche ehrlichen Worte in dieser Floskelwelt Fußball wichtig und bemerkenswert. Ob diese Scheinwelt Ehrlichkeit verträgt? Samstag gab es die Antwort.

Die Experten, die Typen suchen, die Spieler wollen die etwas darstellen, hacken dann auf einem Mann herum der eine individuelle, niveauvolle und reflektierte Antwort auf die Frage nach dem Leben als Profi gibt. Scheinheiliger geht es kaum.

Das zeigt nur eines. Die Fußballfamilie hat wieder mal versagt, denn Ehrlichkeit ist nicht gefragt, schon gar nicht wenn sie Risse im Hochglanzpanzer des Profisports verursacht. Peinlich.

Kaktus

*Zitat: Spiegel, 11/2018, Der Mensch im Trikot, S. 96

3 Kommentare zu „Wenn die Fußballfamilie versagt

  1. Ich ziehe meinen Hut vor dem Kommentator!

    Leider werden jedoch die Damen(?) und Herren in den SKY-Chefsesseln immer wieder genau solche Matthäus-Typen an den SKY-Expertentischen sehen wollen. Quote halt.

    Viele machen es so wie ich – eingeschaltet wird genau zum Spielbeginn. Sobald der SR zur HZ oder zum Ende pfeifft wird ausgeschaltet. Keine verbale Diarrhö, keine Werbung.

    Doch die meisten entziehen sich solchen menschenverachtenden Zurschaustellungen nicht. Sie belustigen sich bestenfalls über die Kallis und Loddars.

    Unglücklicherweise orientieren sich aber auch sehr viele (junge) Menschen an den geistigen Ergüssen solcher TV- & Internet Exprten.

    Es ist wie die Vergewaltigung des letzten Anstandes und der sozialen Verantwortung durch die gewinnorientierten Soziopathen an den Hebeln der (TV-)Macht.

    Und weil soviele mit kassieren wird sich daran auch nichts ändern.

    SKY-Abo kündigen? Hmmm – für die reine Spielzeit zahle ich gerne. Leider muss ich Werbung und Gequatsche zwangsweise (und damit dreisterweise) mitbezahlen. Ich denke, ich werde kündigen und die Auswärtsspiele nur noch hören bzw. später als Zusammenfassung sehen.

    Wenn das so weiter geht ist das sowieso nicht mehr der Sport, den ich so geil fand.

    Gefällt 1 Person

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