Die Angst vor der Bedeutungslosigkeit

Der schwarze Freitag 1929 war der Beginn der Weltwirtschaftskrise und ist ein allzu gerne zitiertes Ereignis, wenn scheinbar fundamentale Dinge passieren, bekannte Verhältnisse verschoben werden oder schlicht und ergreifend jemand im wahrsten Sinne des Wortes einen schwarzen Tag hat.

Jetzt haben wir die schwarze Europapokalwoche 2017, die Geschichte wird es weisen, ob wir Zeuge eines Wendepunktes im internationalen und gerade im deutschen Fußball sind, der mit 1929 vergleichbar ist. Auch wenn man die globale Wirtschaft nicht 1:1 auf den Fußball übertragen kann, so bietet sich die Frage jedoch an, ob wir hier einen historischen Wendepunkt erleben.

Die Liga des Weltmeisters spart ja selbst nicht mit Eigenlob, verweist auf ihre gesunde Struktur, die historischen Größen, internationalen Erfolge und die vollen Stadien. Ein attraktives Produkt, dass gut vermarktet werden will. Da passt so eine schwarze Europapokalwoche nicht ins Bild. 6 Spiele, 6 Niederlagen. Übel für jeden Marketingprofi.

Waren die beiden Topclubs aus München und Dortmund von Topteams gefordert, so waren die 4 weiteren Partien doch eher von durchschnittlicher Gegnerattraktivität was die internationale Wertigkeit betrifft. Der Reiz aus Fansicht war absolut vorhanden, so sind die Clubs aus Belgrad oder Istanbul für den Traditionalisten sicher Highlights, die Vertreter aus Schweden und Ungarn zumindest aus Reisesicht tolle Ziele, alleine der sportliche Reiz war doch eher durchschnittlich.

Und dann dieses Debakel. Was nun? Die Bayern haben ihrer klaren Unterlegenheit Tribut gezollt und haben den Trainer entlassen. Die anderen Vereine haderten mit der Lautstärke des Stadions oder der miserablen Chancenauswertung und irgendwie mit der Erkenntnis, Geld schießt doch Tore oder zumindest kauft man mit Geld Spieler die eben das Runde ins Eckige schießen, was ja gerade bei den Roten aus der Domstadt zur Zeit ein großes Problem ist.

Da fallen einem natürlich sofort die Megatransfers von PSG ein, die auch kräftigen Anteil an der Bayernniederlage hatten, aber die Clubs FCB,BVB, RM und PSG möchte ich mal ausblenden, der Fokus sollte auf den anderen Partien liegen.

Bleiben wir mal in der Championsleague. Da spielt Rasenballsport Dose in Istanbul gegen Besiktas. Die erste Peinlichkeit aus deutscher Sicht eröffnet sich dem geneigten Fernsehzuschauer bei einem Blick in den Gästeblock. 250 Leute haben sich dorthin verirrt, knapp 1/10 dessen was möglich gewesen wäre. Richtig peinlich, das Fanduell ging also ganz klar an die Türkei.

Aber um dem *Geld schießt Tore* Gerede auf den Grund zu gehen, lasse ich hier die reinen Wirtschaftsdaten gegeneinander antreten.(alle Quellen Transfermarkt.de) Es spielen Kadermarktwerte von 126,10 Mio € gegen 189,08 Mio €. Besiktas ist hier schon klar unterlegen, wenn man dann noch einen Blick auf den Toptransfer dieses Jahres schaut, dann hat Besiktas 2,5 Mio € Ablöse in Alvaro Negredo investiert und RB in Kevin Kampl 20,00 Mio €, es folgt der Transfer von Jean Augustin für 16,0 Mio €. Der Favorit ist liegt also klar auf der Hand.

Bei diesem Vergleich ist es nicht das Geld das Tore geschossen hat, sondern hier war neben der Mannschaft einfach auch das Publikum besser und vor allem laut. Die RB-spieler haben sich nach dem Match über die Lautstärke beschwert. Gut so. Nicht nur weil es gerade RB war, Emotionen und Atmosphäre kann man nicht kaufen.

Auch in den weiteren Matches sind die deutschen Teams aus wirtschaftlicher Sicht klar besser:

Köln gegen Roter Stern Belgrad, Marktwert 106,45 Mio € gegen 21,20 Mio €, Toptransfer: 17,0 Mio € gegen 0,75 Mio €

Östersunds FK gegen Hertha Berlin, Marktwert 8,05 Mio € gegen 90,45 Mio €, Toptransfer nicht bekannt gegen 8,00 Mio €

Ludogorets Razgard gegen TSG Hoffenheim, Martkwert 45,20 Mio € gegen 119,63 Mio €, Toptransfer 1,50 Mio € gegen 8,00 Mio €

Diese schwarze Europapokalwoche hat also nichts mit der wirtschaftlichen Kraft der Clubs zu tun, sondern viel mehr mit den Dingen die das Spiel schon immer ausgemacht haben. Sport, Wettkampf, Leidenschaft, Glück und der Wille zum Sieg. Vielleicht sind diese Ergebnisse vielmehr ein Beleg dafür das wir den Fußball doch noch nicht gänzlich verloren haben. Ein Beweis dafür, das die Kleinen immer noch die Großen schlagen können, das Leidenschaft und Kampfeswille über das reine Talent siegen können.

Die oben genannten Clubs sind auf der internationalen Fußballandkarte keine großen Stecknadeln, vielleicht für einige auch bedeutungslos, aber für das Herz eines Fußballfans sind sie das Salz in der Suppe, sind sie der Faktor weswegen wir uns internationale Duelle wünschen.

Nach dieser Woche werden viele in der Liga des Weltmeisters Angst haben um ihr Produkt, Angst vor der Bedeutungslosigkeit, Angst vor der Übermacht des Geldes. All diesen Stimmen, die jetzt wieder nach der Aufhebung der 50+1 Regel rufen, nach Investoren aus der Wüste oder China, denen sei gesagt, das was hier passiert ist, ist ehrlicher Fußball, schade das es die deutschen Clubs getroffen hat, aber umgekehrt, kann es beim nächsten Match sein das die deutsche Mannschaft den übermächtigen Gegner schlägt.

Man muss sich keinen Illusionen hingeben, dass sich in der Konstellation der Europacupligen etwas ändert. Weiterhin wird die wirtschaftliche Sicherheit das oberste Gebot sein, daher sind genau diese schwarzen Momente der Großen so wichtig für uns, die den Fußball lieben und wenn sie dann auch noch in der K.o.-phase auftreten umso besser. Der Fußball gehört allen und nicht der Industrie und den Planern am grünen Tisch, solche Überraschungen sind das was uns noch bleibt, feiern wir sie.

Die Angst vor der Bedeutungslosigkeit des deutschen Fußballs aus europäischer Ebene ist unbegründet, es fühlt sich nur komisch an wenn plötzlich auch andere Nationen vorankommen. Am Ende gewinnen wir alle, auch wenn kein deutscher Club einen Cup holt.

Der Kaktus

 

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